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Klettern - Ein paar ganz persönliche Gedanken |
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Bei den Recherchen zu diesen Seiten stieß ich auf die Zahl 300. 300 - das ist die Information, daß heute in der Sächsischen Schweiz jährlich bis zu 300 neue Wege erstbegangen werden. Das erschreckte mich... Die Kletterpioniere der Erschließerzeit und der 70er und 80er Jahre waren doch schon da. Muß denn jeder freie Meter Wand im sächsischen Fels beklettert werden? Reichen die bestehenden Wege nicht aus? Beim Lesen der Erstbegehungen entstand bei mir der Eindruck, daß es wohl mehr darum geht, Wege „künstlich“ zu erfinden, um historische Erwähnung im Kletterführer zu finden oder sich als Leistungsfreak zu profilieren. Die Erstbegehungen liegen mehrheitlich im oberen Schwierigkeitsbereich zwischen VIII und X, sie sind für die meisten Kletterer also nicht nachgehbar. Der Sächsische Bergsteigerbund (SBB) formuliert es treffend so: „Die Felsfläche der Sächsischen Schweiz ist eine begrenzte Ressource, und wo schon ein Weg ist, passt eben kein zweiter hin“. Also was soll´s? Die Situation ist inzwischen so dramatisch, daß sächsisch-konservative Kletterer vereinzelt dazu übergegangen sind, Sicherungsringe an sinnlosen Erstbegehungen eigenmächtig zu entfernen. Mit Sicherheit ist das nicht die richtige Methode, den Kletterführer-Süchtigen Einhalt zu gebieten - aber die Motive, nämlich der Schutz der Natur und der Sächsischen Kletterethik, sind schon verständlich. Constance Jacob, die Sprecherin des Sächsischen Bergsteigerbundes (SBB) formulierte es am 29. Juli 2008 in der "Sächsischen Zeitung" so: „Die neuen Kletterwege sind teilweise sinnlos, da sie zu nah an den schon existierenden Routen liegen. Dennoch werden solche Aufstiege als Erstbegehungen beim Verband eingereicht, weil die Leute einfach nochmal im Kletterführer stehen wollen.... Allein ein einziger Kletterer aus Dresden hat uns im vergangenen Jahr mehr als 40 Erstbegehungen angezeigt“. Dazu entfallen mir jegliche Worte oder Kommentare; es bleibt lediglich die Frage, ob diese Leute ihre Defizite ausgerechnet und unbedingt am Sächsischen Fels austragen müssen. Die sächsischen Felsen sind kein Klettergarten und schon gar nicht eine Kletterhalle mit Frischluftzufuhr. Also sollten sie auch nicht als senkrechte „Muckibude“ mißverstanden werden. Treffender als der Sächsische Bergsteigerbund (SBB) auf seiner Webseite kann ich es auch nicht formulieren, deshalb zitiere ich: „... Manche ’moderne’ Wegschöpfung ist eher peinlich als eine Bereicherung im Sinne sächsischer Ethik. ...“ Und genau um diese sächsische Ethik geht es - und nur darum. Das sächsische Bergsteigen ist ästhetisch schön, es geht um perfekte Haltung und die Symbiose mit dem natürlichen Fels. Das ist der sportliche Anspruch, die Felsen werden nicht „bezwungen“, sondern „erlebt“. In den jungen, leistungsstarken Lebensjahren ist es verständlich, daß man sich sportlich beweisen will. Der 100., der 500. oder gar der 1.000. Gipfel sind ein toller Markstein der eigenen Kletter-Biografie, aber „Gipfelschrubben“ sollte nie Selbstzweck sein. Es ist zum Beispiel weder unsportlich noch unschick oder langweilig, einen Weg mehrmals zu gehen. Manch einer entdeckt dabei seinen Lieblingsweg, der ihn nicht mehr los läßt. Zum Beispiel Hans Arnold, er ist die „Ostkante“ auf den „Schiefen Turm“ in seinem Leben 548 mal gestiegen. Oder zum Beispiel Hans Heilmaier, der ist den "Gühnekamin" auf den "Vorderen Gansfels" 816 Mal gestiegen. Auch ich habe einen Lieblingsweg, der ist sicher bescheidener, aber genauso großartig - die „Rippenvariante“ auf das „Waltersdorfer Horn“, ich war nur noch nicht ganz so oft dort oben. Ich habe beim Klettern wiederholt beobachtet, daß besonders in den Reihen der jungen Kletterer einige lächelnd zuschauen, wie sich der Vorsteiger von nebenan mit Komplettgurt sichert, oder auch wie auf einem einfacheren Weg möglichst viele Zwischensicherungen gelegt werden, oder wie sich der sichernde Nachsteiger zusätzlich am Boden gegen Abheben sichert, oder wenn einfach das Kletter-Equipment nicht allerneuesten Kletterhallen-Trends folgt. Was soll das? Ich habe von einer Befragung gelesen, in der 1997 knapp 60 % der Kletterer äußerten, sie wünschten sich hauptsächlich mehr nachträgliche Ringe zum Sichern - haben dann also rund 60 % der Kletterer, übrigens überwiegend zwischen 18 und 35 Jahre alt und zur Hälfte Einheimische aus dem Raum Dresden, das „Klettern in der Sächsischen Schweiz“ nicht verstanden? Jede Seilschaft erarbeitet sich „ihren“ Weg sportlich sauber. Es geht um souveräne Kletter- und Sicherungstechnik und nicht um „Krampf" an einem zusätzlichen Ring. Hin und wieder sieht man auch Toprope-Kletterer. Kennen sie die sächsische Kletterethik nicht? Toprope-Begehungen sind unerwünscht, im sächsischen Sinne sportlich nicht einwandfrei und schaden dem Fels übermäßig. Die Sächsischen Kletterregeln schreiben dazu Eindeutiges (siehe auch unter http://www.bergsteigerbund.de/klettern_besonderheiten.html). Gute Gedanken zum Thema Toprope hat sich auch Iven Eissner unter http://www.gipfelbuch.de/toprope.htm gemacht. Jede Form von „Kraftmeierei“ ist in der Sächsischen Schweiz fehl am Platze. Das zeigte im März 2010 ein 17-jähriger angeblich erfahrener Kletterer, der den AW auf den Schraubenkopf im Bielatal kletterte, um dort eine Topropeumlenkung aufzubauen (um dann leistungsüberschätzend und sportlich unsauber schwierigere Wege auf den Schraubenkopf zu nehmen?). Der junge Kletterer nahm jedoch vom Gipfel die direkte Falllinie nach unten und stürzte in den Tod. Hatte man versäumt, dem jungen Kletterer richtige Sicherung beizubringen oder hatte der junge Mann das zwar gelernt, aber aus Überheblichkeit darauf verzichtet, sich erst einmal selbst zu sichern, bevor er dem unteren Sicherungsmann vorschnell "Kannst rausgehen" zuruft? Kann man mit 17 Jahren überhaupt schon ein erfahrener Kletterer sein oder ist man da vielmehr erst ein Vielkletterer? Echte Klettererfahrung kommt auch aus innerer Bescheidenheit. Bei der Arbeit an den Kletterseiten drang sich angesichts der Bilder von Heinz Zak bei seiner Highline am Teufelsturm im April 2007 auch die Frage auf, ob sich derartige „Trendsportarten“ mit der spezifischen Natürlichkeit der Sächsischen Schweiz und dem Nationalparkgedanken vereinbaren lassen und welche Botschaft uns Heinz Zak mit seiner Highline am Teufelsturm vermitteln wollte. Mir hat sich der Sinn dieser Aktion, außer dem der kommerziellen Selbstdarstellung, nicht erschlossen. Passen Klettern und Nationalpark und Naturschutz überhaupt zusammen? Ist ein naturverträgliches Klettern möglich? Die Nationalparkverordnung hat diese Fragen 1990 mit „Ja“ beantwortet in Anbetracht der Tradition des sächsischen Bergsteigens. Die Sächsische Schweiz ist allein von ihrer Geologie her ein sehr zerbrechliches Gebilde, dessen Verschleiß schon natürlich bedingt ist und durch den Menschen verstärkt wird. Der Naturschutz steht an vorderster Stelle, dessen sollte sich jeder Kletterer bewußt sein. Deshalb gibt es einige zu akzeptierende Verzichte und Einschränkungen. Um so befremdlicher war für mich, zu lesen, daß Bernd Arnold, der klettersportliche Erschließer der 70er Jahre, 1991 am Rande des Klettersportfestes in Hohnstein forderte: „... Wenn der Naturschutz Gipfel sperrt, muß er dafür Massive freigeben! ....“. Der Groschen sollte also durch zehn Pfennige ersetzt werden? Nachdenklich hat mich bei den Recherchen zu diesen Kletterseiten auch gemacht, daß nicht nur zwischen 1908 und 1917, sondern auch in den 70er Jahren ein Phänomen auftrat. Als das Felsklettern jeweils einen großen sportlichen Leistungsaufschwung erfuhr, wurden die Kletterfelsen und ihre Umgebung zunehmend zugemüllt und zertrampelt. 1917 führte das mit zu einem generellen Kletterverbot. Ab Ende der 70er Jahre konnten Idealisten mit der „Aktion Sauberes Gebirge“ der Natur helfen. Haben wir nur Glück, daß es in der Sächsische Schweiz einen weiteren derartigen klettersportlichen Leistungsschub nicht mehr geben kann, weil die Sächsische Schweiz schon erschlossen ist? Noch ein Wort zum Schluß: Die Arbeit des Bergrettungsdienstes verdient ebenso wie die Arbeit des Nationalpark-Teams große Anerkennung. Die Berg- und Naturfreunde leisten ihren Beitrag dafür, daß wir die Sächsische Schweiz als Einheimische, Urlauber, Wanderer und/oder Kletterer in ihrer ganzen Wildheit und Schönheit nachhaltig erleben und genießen können. Natürlich kann nicht jeder aktives Mitglied sein, eine kleine finanzielle Unterstützung ist in jedem Fall auch eine Wertschätzung dieser sehr guten und wichtigen Arbeit. |