Klettern - Ein paar ganz persönliche Gedanken






Bei den Recherchen zu diesen Seiten stieß ich auf die Zahl 300.
300 - das ist die Zahl der Wege, die heutzutage in der Sächsischen Schweiz jährlich "erstbegangen" werden. Allein ein einziger Kletterer aus Dresden hatte 2007 mehr als 40 Erstbegehungen beim SBB angezeigt. Das erschreckte mich... Die Kletterpioniere der Erschließerzeit und der 70er und 80er Jahre waren doch schon da. Muß denn jeder freie Meter Wand im sächsischen Fels beklettert werden? Reichen die bestehenden Wege nicht aus? Beim Lesen der Erstbegehungen wird schnell klar, daß es wohl mehr darum geht, Wege „künstlich“ zu erfinden, um historische Erwähnung im Kletterführer zu finden oder sich als Leistungsfreak zu profilieren. Die Erstbegehungen liegen mehrheitlich im oberen Schwierigkeitsbereich zwischen VIII und X, sie sind für die meisten Kletterer also nicht nachgehbar. Treffender als der Sächsische Bergsteigerbund (SBB) auf seiner Webseite kann ich es auch nicht formulieren, deshalb zitiere ich: „... Manche ’moderne’ Wegschöpfung ist eher peinlich als eine Bereicherung im Sinne sächsischer Ethik. ...“ Und genau um diese sächsische Ethik geht es - und nur darum.

Die sächsischen Felsen sind kein Klettergarten und schon gar nicht eine Kletterhalle mit Frischluftzufuhr. Also sollten sie auch nicht als senkrechte „Muckibude“ mißverstanden werden.
Da paßt es denn überhaupt nicht, daß sich im August 2011 der Streit zuspitzt ob einer möglichen Nutzung des Hohnstein-Felsmassivs durch die Gemeinde Hohnstein als Klettergarten mit ca. 120 eingerichteten Routen für zahlende Hotelgäste und andere Plaisir-Kletterer. Der "Bund Sächsische Schweiz" dazu am  16.08.2011: "Eine weitere Erschließung der Sächsischen Schweiz für den Klettersport ist in jeder Hinsicht unverantwortlich. Die Region ist bereits jetzt bis an die Grenze des Erträglichen erschlossen." Die Stadt Hohnstein dagegen hat Widerspruch gegen die Entscheidung der Landesdirektion Dresden eingelegt und will den Klageweg beschreiten. Und Bernd Arnold, der klettersportliche Erschließer der 70er und 80er Jahre, ist Initiator des Ganzen und auf seiner aktuellen Webseite www.bergsport-arnold.de ist zu lesen: "..., daß auch das Sächsische Bergsteigen durchaus als ein Zweig des Tourismus anzusehen ist." Bereits 1991 hatte Bernd Arnold am Rande des Klettersportfestes in Hohnstein gefordert: „Wenn der Naturschutz Gipfel sperrt, muß er dafür Massive freigeben! ....“. Das klingt sehr nach kommerziellem Eigeninteresse.

Passen Klettern und Nationalpark und Naturschutz überhaupt zusammen? Ist ein naturverträgliches Klettern möglich? Die Nationalparkverordnung hat diese Fragen 1990 mit „Ja“ beantwortet in Anbetracht der Tradition des sächsischen Bergsteigens. Die Sächsische Schweiz ist allein von ihrer Geologie her ein sehr zerbrechliches Gebilde, dessen Verschleiß schon natürlich bedingt ist und durch den Menschen verstärkt wird. Der Naturschutz steht an vorderster Stelle, dessen sollte sich jeder Kletterer bewußt sein. Deshalb gibt es einige zu akzeptierende Verzichte und Einschränkungen. Im Juli 2008 wurde in der Rahmenvereinbarung zu Bergsport und Naturschutz in der Nationalparkregion Sächsische Schweiz nochmal klar festgehalten: "Das sächsische Bergsteigen ist eine Natursportart. Dies schließt ein, dass Veränderungen in der Natur akzeptiert werden, auch wenn damit eine Verschlechterung der Bedingungen an einzelnen Kletterwegen (z.B. infolge Baumwachstum) verbunden sein kann."

Das sächsische Bergsteigen ist ästhetisch schön, es geht um perfekte Haltung und die Symbiose mit dem natürlichen Fels. Das ist der sportliche Anspruch, die Felsen werden nicht „bezwungen“, sondern „erlebt“. Und jede Seilschaft erarbeitet sich ihren Weg sportlich sauber. Es geht um souveräne Kletter- und Sicherungstechnik und nicht um „Krampf" an einem zusätzlichen Ring. In den jungen, leistungsstarken Lebensjahren ist es verständlich, daß man sich sportlich beweisen will. Der 100., der 500. oder gar der 1.000. Gipfel sind ein toller Markstein der eigenen Kletter-Biografie, aber „Gipfelschrubben“ sollte nie Selbstzweck sein. Es ist zum Beispiel weder unsportlich noch unschick oder langweilig, einen Weg mehrmals zu gehen. Manch einer entdeckt dabei seinen Lieblingsweg, der ihn nicht mehr los läßt. Zum Beispiel Hans Arnold, er ist die „Ostkante“ auf den „Schiefen Turm“ in seinem Leben 548 mal gestiegen. Oder zum Beispiel Hans Heilmaier, der ist den "Gühnekamin" auf den "Vorderen Gansfels" 816 Mal gestiegen. Auch ich habe einen Lieblingsweg, der ist sicher bescheidener, aber genauso großartig - die „Rippenvariante“ auf das „Waltersdorfer Horn“, ich war leider noch nicht ganz so oft dort oben.

Ich habe beim Klettern wiederholt beobachtet, wie junge Kletterer grinsend dreinschauen, wenn sich der Vorsteiger von nebenan mit Komplettgurt sichert, wenn auf einem einfacheren Weg sinnvolle Zwischensicherungen gelegt werden, oder wenn sich der sichernde Nachsteiger zusätzlich am Boden gegen Abheben sichert, oder wenn einfach das Kletter-Equipment nicht allerneuesten Kletterhallen-Trends folgt. Was soll das?
Jede Form von „Kraftmeierei“ ist in der Sächsischen Schweiz fehl am Platze. Das zeigte im März 2010 ein 17-jähriger angeblich erfahrener Kletterer, der den AW auf den "Schraubenkopf" im Bielatal kletterte, um dort eine Topropeumlenkung(!) aufzubauen. Der junge Kletterer nahm jedoch vom Gipfel die direkte Falllinie nach unten und stürzte in den Tod. Hatte man versäumt, dem jungen Kletterer richtige Sicherung beizubringen oder hatte der junge Mann das zwar gelernt, aber aus Überheblichkeit darauf verzichtet, sich erst einmal selbst zu sichern, bevor er dem unteren Sicherungsmann vorschnell "Kannst rausgehen" zuruft? Kann man mit 17 Jahren überhaupt schon ein erfahrener Kletterer sein oder ist man da vielmehr erst ein Vielkletterer? Echte Klettererfahrung kommt auch aus innerer Bescheidenheit. Ein paar Wochen später stürzt am "Thürmsdorfer Stein" ein junger Kletterer beim Abseilen in den Tod, weil ihm das Seil unkontrolliert durch sein Sicherungsgerät gelaufen ist. Hätte dieser "Könner" nicht besser das Abseilen mit einer Abseilacht und einer Prusikschlinge lernen sollen? Obwohl die meisten Bergunfälle von Wanderern verursacht werden, ist im Jahr 2011 die Zahl der Kletterunfälle auf 23 gestiegen, das sind fast doppelt soviel wie im Vorjahr. Vor allem Sandsteinabbrüche, mangelnde Erfahrung und Selbstüberschätzung sind die Ursachen.

Immer häufiger sieht man auch Toprope-Kletterer, durchaus auf niedrigstem Kletterhallen-Niveau mit ständigen Pausen und Hängen am straffen Seil ohne Eigenstand. Kennen sie die sächsische Kletterethik nicht? Toprope-Begehungen sind unerwünscht, im sächsischen Sinne sportlich nicht einwandfrei und schaden dem Fels übermäßig, weil zu lange nach Griffen und Tritten gesucht wird, man keinen festen Stand hat und auch das Leistungsvermögen überschätzt wird. Die Sächsischen Kletterregeln schreiben dazu Eindeutiges. Gute Gedanken zum Thema Toprope hat sich auch Iven Eissner von gipfelbuch.de gemacht.

Nachdenklich hat mich bei den Recherchen zu diesen Kletterseiten auch gemacht, daß immer, wenn das Felsklettern jeweils einen großen sportlichen Leistungsaufschwung erfuhr, die Kletterfelsen und ihre Umgebung zunehmend zugemüllt und zertrampelt und die sächsischen Kletterregeln mißachtet wurden. 1917 führte das mit zu einem generellen Kletterverbot; in den 40er Jahren war die zweite Krise des sächsischen Klettersports. Ab Ende der 70er Jahre konnten Idealisten mit der „Aktion Sauberes Gebirge“ der Natur helfen. Haben wir nun Glück, daß es in der Sächsische Schweiz einen weiteren derartigen klettersportlichen Leistungsschub nicht mehr geben kann, weil die Sächsische Schweiz erschlossen ist? Nein, wohl doch nicht. Es gibt zwar keinen Leistungsschub mehr, aber das Mißachten der sächsischen Kletterregeln und des Naturschutzes ist wieder auf dem Vormarsch und wird erneut zum Problem: Klettern am feuchten Fels, Magnesia, Klemmkeile, Teleskopstangen, Toprope, Bofen, Feuermachen, Querfeldeinlatschen, illegales Freischneiden von Kletterwegen, Rauchen am und auf dem Gipfel, Vermüllung usw. lassen inzwischen den Bergsteigerbund von der "Vierten Kletterkrise" sprechen. Muß es erst wieder in einem generellem Kletterverbot enden, damit einige begreifen, was Klettern im Nationalpark, in einer einzigartigen und schützenswerten Natur, heißt? Das gleiche gilt für das neuerdings beliebte Mountainbiking auf Kletterzugängen, so gesehen z.B. am "Goldsteig", sandig und schmal wie die berühmte "Rahm-Hanke".

Noch ein Wort zum Schluß: Die Arbeit des Bergrettungsdienstes verdient ebenso wie die Arbeit des Nationalpark-Teams große Anerkennung. Die Berg- und Naturfreunde leisten ihren Beitrag dafür, daß wir die Sächsische Schweiz als Einheimische, Urlauber, Wanderer und/oder Kletterer in ihrer ganzen Wildheit und Schönheit nachhaltig erleben und genießen können. Natürlich kann nicht jeder aktives Mitglied sein, eine kleine finanzielle Unterstützung ist in jedem Fall auch eine Wertschätzung dieser sehr guten und wichtigen Arbeit. Übrigens: Die Bergwacht Sachsen feiert 2012 ihr
100-jähriges Bestehen.